Übersinnliches
Am vergangenen Sonnabend wollten Tim und ich eigentlich das schöne Wetter nutzen und einen seiner Oldtimer aus dem Winterschlaf holen. Ziel der Begierde war ein Mercedes Ponton 220 SE Baujahr 1956. Nun muss man wissen, dass solche alten Autos, wenn sie sich denn auch noch im Originalzustand befinden, nach einer längeren Standzeit intensiver reanimiert werden müssen als moderne Fahrzeuge. Aus Erfahrung hatte Tim entsprechende Hilfsmittel vor Ort. Eine geladene Batterie ist Voraussetzung aber der Kreislauf, sprich die Benzinzufuhr muss ebenfalls künstlich angeregt werden.
Eine Benzinpumpe mit Ledermembran hat nun mal den Nachteil, dass, wenn sie erst einmal trocken, nur schwer von ihrer eigentlichen Aufgabe zu überzeugen ist. Abhilfe schafft hier eine gezielte Injektion ins Herz bis hinauf zum Zerstäuber in dem dann das entsprechende brennbare Medium erzeugt wird. Gesagt getan, mit einer 100ml Spritze zwei ordentliche Hübe in die Hauptschlagader, alles wieder fest, Schlüssel gedreht und Rums war er da.
Man konnte uns die Freude über diesen unerwartet schnellen Erfolg ansehen. Schnell war alles verstaut und der Wagen flugs aus der Garage geholt und am Straßenrand mit laufendem Motor geparkt. Fix noch die Garage und das Gartentor geschlossen, bestens gelaunt eingestiegen, Sonnendach auf, Anschnallen…. Tja und dann nahm das Schicksal seinen ungewöhnlichen Lauf. In dem Moment in dem ich den Gurt in das Schloss stecke, geht der Motor aus und will auch trotz Fluchen und gut zureden nicht wieder anspringen.
Ursachenforschung, Analyse, Ergebnis: Die Pumpe pumpt wohl noch nicht so wie von ihr erwartet ergo, alles noch mal auf Start. Werkzeug wieder raus, alles wieder auf, Injektion vorbereiten, Indizieren, alles wieder zu, starten und siehe da er läuft. Wieder große Freude, Werkzeug wieder weg, einsteigen, Anschnallen und ob ihr es glaubt oder nicht, in dem Moment in dem ich mich anschnalle, Zack, Motor aus. Es ist schade, dass keiner unsere ungläubigen Gesichter gesehen hat, tausend Fragezeichen schwirrten durch das Wageninnere. Wir realisierten nur langsam was da gerade passiert war. Tim schwoll schon der Kamm aber ich sah das alles ehr sportlich.

Es folgte Anlauf Nummer drei, sie selbe Prozedur, alles wie gehabt aber zu Testzwecken etwas weniger Sprit. Nun warteten wir vor dem Wagen auf das was kommen musste und siehe da, nach einiger Zeit wich jegliches motorisches Leben aus Selbigem. Das war für uns die Bestätigung, dass wir heute nur noch eine kleine Tour machen, nämlich zurück in die Garage. Schieben wollten wir nicht weil es auch etwas bergauf ging aber wir hatten ja schon Übung und konnten den Motor relativ schnell wiederbeleben.
Als der Wagen dann in der Garage stand, hat Tim ihn einfach mal laufen lassen und er lief und lief und lief und lief. Längst war unserer Meinung nach der Zeitpunkt überschritten an dem der Motor hätte verrecken müssen. So langsam flammte die Hoffnung auf nun doch noch eine Ausfahrt machen zu können und je länger der Motor lief, desto heller brannte das Feuer der Begeisterung in uns. Schließlich die Entscheidung: “Wir fahren”, Wagen aus der Garage auf die Straße, Garage und Tor zu, ich saß schon drinnen, wagte aber nicht mich an zuschnallen. Als Tim dann zum Auto kam fragte er ob ich schon angeschnallt sein, ich verneinte mit dem Hinweis davon ab zusehen. Tim bestand darauf und ungelogen, als ich zum Gurt griff….. AUS.
Ungläubige Fassungslosigkeit gepaart mit hilflos umherblickenden Insassen. Ich bin ja froh, dass der Herr mich diesbezüglich mit reichlich Humor ausgestattet hat und so konnte ich verhindern, dass Tim platzt. Zugegeben, es ist einer seiner Schätze und er hat sich mindestens so sehr auf die Ausfahrt gefreut wie ich, das Wetter war optimal, besser ging es nicht und nun kommt wahrscheinlich noch eine Werkstattrechnung auf ihn zu aber es war nun mal eine Tatsache an der wir nur mit permanenten Injektionen vorbei kamen egal ob wir nun jede Schraube dieses wunderbaren Autos in die Wüste wünschten oder nicht.
Faszinierend ist nur, dass drei von vier Abgängen mit meinem Verlangen nach Sicherheit kooperierten. Wenn der eine Exitus ohne mein Zutun nicht wäre, würde ich am höhere Mächte glauben die warum auch immer nicht wollten, dass wir mit diesem Wagen unterwegs sind. Wenn sich in der Werkstatt nun herausstellen sollte, dass der Wagen verkehrsunsicher wäre und wohl möglich eine Fahrt gefährlich hätte sein können, dann wiederum müsste ich meine Meinung zum übersinnlichen gründlich überdenken. Nach dieser Niederlage gab es vorerst die letzte Injektion und der Ponton wurde wieder in die Garage verbracht. Ich bin ja mal gespannt was nun wirklich die Ursache war und hoffe, dass mein lieber Freund Tim mittlerweile seine Fassung wieder gefunden- und dieses Erlebnis unter “Erfahrung” abgelegt hat.

2. Mai 2009, 17:02 Uhr
Lieber Karsten,
….Du weißt ja, alle meine Oldtimer haben Namen, der Mercedes Pomton ist der ” schwarze Baron “,….und so benimmt er sich leider manchmal auch.
Also:
Mit Hilfe des ADAC kam der Baron am folgenden Montag in die Werkstatt, um ihm den Teufel auszutreiben. Um es kurz zu machen, durch Verschmutzungen im Tank waren sowohl der Benzinfilter als auch die Pumpe verdreckt, beide wurden ausgebaut und gereinigt, keine große Sache, aber eben ärgerlich. Am Freitag drauf habe ich ihn dann abgeholt, er sprang sofort an und schnurrte wie ein Kätzchen. Um der Batterie und der gesamten Mechanik etwas Gutes zu tun, folgte ein Ausflug durch Schleswig Holstein, durch blühende Rapsfelder, ein Stück auf die Autobahn und letztlich zurück in die Garage.Wir hatten uns wieder lieb.
Gestern am Samstag sollte es dann an die Ostsee gehen, mit der ganzen Familie und einer Freundin von Sophie aus Karlsruhe. Der schwarze Baron sollte Gelegenheit bekommen, sich zu bewähren. So fuhr ich bei bestem Wetter schon morgens um 7:30 Uhr zur Garage, natürlich ohne jedes technische Hilfsmittel, denn der Wagen kam ja gerade aus der Werkstatt und mit Startschwierigkeiten war doch nicht zu rechnen, oder???
Um es vorwegzunehmen: Er sprang natürlich wieder nicht an, meine Halsschlagader drohte zu platzen und spätestens seit dieser Erfahrung weiß ich, wie man sich mit Blutdruck 300 fühlt….
Wir sind dann mit “white Lady” an die Ostsee gefahren und heute, wieder bei 130 zu 85 angekommen, habe ich mit Andrea, bewaffnet mit 100 ml Spritze und Benzinkanister dem schwarzen Teufel meine Aufwartung gemacht….und ihn zum Leben erweckt !!!! Aus eigener Kraft haben wir dann die Oldtimerwerkstatt in Bargfeld Stegen angesteuert, dort bekommt der alte Herr jetzt einen Bypass, eine implantierte zweite – elektrische – Benzinpumpe, die einspringt, wenn das – mechanische – Original am Anfang schwächelt. Wenn er diese Opreation gut übersteht, immerhin hat er ja schon 330.000 km auf dem Puckel, steht er für Dich zu der längst versprochenen Ausfahrt bereit, ….vielleicht solltest Du jedoch aus psycholigischen Gründen auf ein Anschnallen vor Antritt der Fahrt verzichten und den Gurt erst fixieren, wenn der Baron ( neuerdings auch schwarzer Teufel genannt ) schon läuft.
Lieben Gruß, es winkt mit der
Benzinspritze
Timmy