Praktikant “Exitus”
Ich habe mich gefragt, wie es sich anfühlt bei einem Menschen die Herzdruckmassage durchzuführen. Ich habe mich gefragt wie es ist einen Menschen zu beatmen. Ich habe mich gefragt was in mir vorgeht wenn in meiner Gegenwart ein Mensch intubiert werden muss. Ich habe mich schon lange gefragt, wie ich reagieren würde, wenn bei einem Einsatz ein Mensch stirbt.
Alles Dinge und Situationen die ich noch nie durchlebt habe. Ein Einsatz heute Nacht hat all diese Fragen beantwortet.
Wenn man von einer nüchternen Beschreibung absieht, ist es schwer, das alles in Worte zu fassen. Infusionen vorbereiten, Medikamente aufziehen, beatmen und drücken. Ein Durcheinander von Apparaten, Schläuchen, Infusionen, Spritzen mit Medikamenten und mittendrin der Mensch um den sich alles dreht. Und doch herrscht in diesem „Chaos“ eine betriebsame Ruhe. Klare, ruhige und eindeutige Anweisungen die dann ohne jegliche Hektik ausgeführt werden. Eine Ruhe die ansteckt und mit Sicherheit auch bei den anwesenden Angehörigen und Freunden den Eindruck vermittelt, dass hier wirklich alles getan wird was getan werden muss.
Ich habe wohl schon fünfzig Mal auf einer Puppe herumgedrückt aber die Wirklichkeit fühlt sich doch anders an. Rein von der Mechanik ist es vergleichbar aber die Tatsache, dass es eben keine Übung ist und dass du da auf einem echten Brustkorb arbeitest und dass es wirklich um Leben und Tod geht, macht es unbeschreiblich anders. Nebenbei läuft das Beatmungsgerät und es entstehen nie gehörte Geräusche, du siehst den Patienten unter Dir, der weicher ist als man es von der Puppe her kennt, du fühlst echte Haut und siehst die Hautfarbe die keine Puppe der Welt simulieren kann. Es ist schon ähnlich und doch völlig anders.
Und dann ist irgendwann Schluss. Ende, aus, vorbei, Tod.
Wir haben dann noch alles, was wir vorher in ihn hineingesteckt haben, wieder heraus geholt, etwas aufgeräumt und abgedeckt und dann den Angehörigen Gelegenheit gegeben sich zu verabschieden.
Ich bin bestimmt nicht scharf darauf solche Situationen häufiger erleben zu müssen, aber ich weiß jetzt, dass ich damit umgehen kann und trotz all der Tragik die mit dem Ableben eines Menschen verbunden ist, so empfinde ich es positiv für mich, diese Situation erleben zu dürfen.
Ich möchte es auch nicht versäumen mich bei den Menschen zu bedanken die mich meinen Fähigkeiten entsprechend in das Geschehen mit eingebunden haben und letztlich auch bei dem Mensch, der dies durch seine Erkrankung hat notwendig werden lassen.

24. Oktober 2006, 13:21 Uhr
Vielen Dank,dass du uns deine so frischen Eindrücke dieser ereignisreichen Nacht so offen nahe bringst. Es nimmt mir zwar nicht die Angst vor so einer Situation, aber es macht Mut gegebenenfalls richtig handeln zu können.
24. Oktober 2006, 18:42 Uhr
Du hast recht anschaulich beschrieben was Du fühlst und was in in Dir vorgegangen ist – Wichtig ist letzlich: “Du hast alles getan”
25. Oktober 2006, 09:31 Uhr
Seinen ersten Toten und seine erste Reanimation vergisst man nie…
Schön zu hören, wie gut du mit dieser Situation umgehst. Hoffentlich sind die nächsten Einsätze etwas schöner.
1. November 2006, 17:44 Uhr
Danke… für die Einblicke Karsten.
Bisher ist es mir zum Glück nicht untergekommen.
Gruß Michael