Nachtgedanken
Das nahe Ende eines Lebens, wenn es dann auch noch im eigenen Umfeld geschieht und wir emotional gebunden sind, lässt uns vieles in einem anderen Licht sehen. Wichtiges wird unwichtig und selbstverständliches ist gar nicht so selbstverständlich wie wir meinen. Je mehr Zeit wir haben uns mit dieser Situation zu befassen, wenn also wie in diesem Fall eigentlich schon alles klar ist, jeder weiß, dass es bald geschehen wird aber keiner weiß wann, dann öffnen sich Horizonte die man bisher noch nicht kannte.
Mir geht es so, ich erwische mich dabei, dass ich mich täglich, bei Zeiten sogar stündlich mit dem nahen Tod einer lieben Verwandten befasse und dadurch vieles „normale“ in Frage stelle.
Wer kennt es nicht, da erfährt man vom Ableben eines Bekannten mit dem man vielleicht vor einiger Zeit noch gesprochen hat. Natürlich sind wir mehr oder weniger betroffen aber es geschah plötzlich und unerwartet. Wir hatten keine Zeit uns mit dem Thema zu befassen und ebenso schnell wie wir involviert waren, sind wir auch wieder heraus, völlig normal eben.
Nun weiß ich aber schon seit längerem, dass diese Ende real absehbar ist. Du unterhältst dich mit dem Menschen der nur noch Tage oder vielleicht noch einige Wochen unter uns ist und versuchst DAS Thema kein Thema sein zu lassen. Es ist dieser Zwang, zwanglos zu wirken, es ist der verzweifelte Versuch normal zu erscheinen und doch genau zu wissen, dass es nicht funktioniert weil wir hilflos nach Worten suchend hoffen, ein Thema vom Gegenüber präsentiert zu bekommen.
Worüber soll man auch mit jemandem Sprechen dem jegliche Perspektiven genommen sind, der wirklich und mit all der verbliebenen Kraft darauf wartet, endlich bei der Hand genommen zu werden um die letzte Reisen antreten zu dürfen. Auch wenn es nicht verwerflich, verständlich und vielleicht auch zu rechtfertigen ist, so wühlt doch der Widerspruch in mir wenn ich diesem Menschen den Tod wünsche.
Je mehr und länger ich mich mit dieser Situation auseinander setze, desto bestimmter empfinde ich es auch als Chance mal intensiver über den Tellerrand zu schauen. Alles ist endlich und viel zu schnell und unerwartet zieht es uns den Boden unter den Füßen weg, wie mir vor kurzem in der Firma deutlich gemacht wurde. Vielleicht sollten wir häufiger mal anhalten, uns umsehen und Fragen ob der Aufwand, den wir treiben um das zu bekommen was wir Leben nennen, eigentlich lohnt.
Egal wie lange diese Sterben noch dauert und wenn, wie es dann endet, ich gehe mit Bewunderung und Respekt in die noch kommenden Gespräche mit ihr und hoffe und wünsche, dass Sie auch über den möglichst baldigen Tod hinaus, bei mir noch lange Wirkung zeigt und das mit ihr und durch sie erlebte nicht so schnell verblasst.

11. März 2009, 18:12 Uhr
Lieber Karsten,
sehr besinnliche Zeilen, die Du da schreibst in einer für Dich und Deine Lieben sehr schweren Zeit. Wir sind in Gedanken bei Dir und wünschen Dir die Kraft, mit allem gut fertig zu werden. Du wirst an dieser Situation reifen, insofern hat sie auch ein Gutes, Deiner Tante bist Du im Moment sicherlich eine grosse Stütze, ich denke Du wirst Sie nie vergessen.
Wie gesagt, wir sind in Gedanken bei Dir, wenn Du mal reden möchtest, bin ich immer für Dich da, nutz das ruhig, ich habe selbst schon so viel erlebt und gebe meine Erfahrungen gerne an Dich weiter.
Alles Gute,
Timmy